Montag, 17. November 2008

Kurzurlaub zum 21. Jahrestag…

…der friedlichen revolution, die den augenblicklichen präsidenten an die macht gebracht hat. Anlässlich dieses jahrestags hatten wir ab Donnerstag vorletzter woche (bin mal wieder etwas spaet dran) frei und Alex, ein belgischer arabisch-Student an der Bourguiba-School, und ich sind früh morgens in den nordwesten nach El Khef gefahren, um dort wandern zu gehen. Von dort sind wir noch ein wenig weiter gefahren, um nahe der algerischen grenze das 1200m messende hochplateau „table de Jugurtha“ zu besteigen. Aus dem angenehm ruhigen dorf, wo wir mit einer „louage“, einem kleinbus, angekommen sind, waren es dann nur noch ca. 5 km, die landschaftlich schon recht ansprechend waren. Und auch die dörfliche atmosphäre war toll & gutes kontrastprogramm zu Tunis – welches mir aber trotz der gelegentlichen kommentare über seinen lärm etc. immer noch gut gefällt. Es gab ein paar äußerst höfliche & interessierte kinder, die uns den weg zum aufstieg aufs plateau zeigten. Von dort oben hatten wir einen tollen ausblick & ein etwas wortkarger ortsansässiger führte uns ein wenig herum, zeigte uns die in den fels geschlagenen höhlen und wasserbecken, die den wechselnden ehemaligen bewohner-gruppen, u.a. Berbern, erlaubten, dort ihr vieh zu halten – wie auch immer sie es zuvor über die steilen stufen dorthinauf gebracht hatten – und langen belagerungen standzuhalten. Ebenso sahen wir einen marabut, das grabmal eines islamischen heiligen. Leider blieb die vorstellung vom leben dort oben für mich etwas leblos, doch das war ja auch nicht der hauptgrund unseres besuchs. Den ausblick in richtung algerien und über das übrige umland konnte ich jedenfalls genießen – obwohl es recht kalt da oben war. Die Berge dort sind etwas ungewöhnlich im vergleich zu dem, was ich bisher so gesehen habe, da es oft keine durchgehenden gebirgsketten gibt, sondern einige große „brocken“ mitten in die landschaft gepflanzt sind. Beim abstieg vom table haben wir dann einen franzosen getroffen, der mit seiner „gepimpten“ ente durch tunesien tourt und uns später auf unserem weg in richtung des nächsten südlich des table gelegenen dorfes nochmals begegnete und erzählte, er habe eine ganze zeit lang ein polizei-auto als eskorte hinter sich gehabt – für uns ein kleiner vorgeschmack auf den nächsten tag. Wir wussten leider nicht so genau, wo und in welcher entfernung wir den nächsten ort finden würden, wo wir übernachten könnten, da unsere karte nicht so besonders informativ war & die leute vor ort uns meist nur die grobe richtung zeigten. Aber wir verließen uns darauf, dass es schon klappen würde & wir zur not halt irgendwo fragen müssten, ob wir in einem schuppen oder so übernachten könnten. Als es dann so langsam dämmerte & der nächste ort nach auskunft der „locals“ noch ein ganzes stück entfernt war, fingen wir an zu trampen & wurden auch ein gutes stück von einem netten mann mitgenommen, dessen sohn unseretwegen seinen platz auf dem beifahrersitz aufgeben und sich mit dem schoss seines vaters und dem lenkrad vor der nase zufrieden geben musste. Die beiden fuhren unseretwegen extra ein stück weiter, als eigentlich beabsichtigt. Auch wenn sie uns einige kilometer mitgenommen hatten, so war es anschließend doch noch ein ganzes stück zu fuß und es war schon dunkel, als wir nach einigen kilometern wieder glück hatten, und auf einem pick-up mit ins nächste dorf genommen wurden. Die vorherige ungewißheit zahlte sich nun in form von einem großartigen moment hinten auf dem pick-up aus, währenddessen wir die schöne landschaft endgültig in der nacht versinken sahen und ihre spärliche beleuchtung durch halbmond und sternenhimmel genießen konnten. Der gute junge mann bot im nächsten dorf auch noch an, uns gegen ein annehmbares entgelt in die nächste stadt namens Thala zu bringen, denn in dem dorf oder der kleinstadt gab es wie vermutet kein hotel. Im hotel in Thala angekommen konnten wir dann den tag mit einem bier zum abendessen ausklingen lassen, welches in dieser gegend – wie uns später erklärt wurde – wegen der kälte gern und anscheinend auch in ordentlichen mengen getrunken wird ;-)
Am nächsten tag fragten wir noch in Thala (übrigens auf gut 1000m gelegen & nachts verdammt kalt) einen polizisten – großartige idee ;-) – nach dem weg nach Kasserine und wurden prompt um unsere personalausweise gebeten und nach einigen telefonaten wollte man uns mit dem auto nach Kasserine fahren. Nachdem wir dann aber klargemacht hatten, dass es uns gerade ums zu fuß gehen ging, gaben sich die besorgten ordnungshüter dann aber mit unseren telefonnummern zufrieden und versprachen, uns regelmäßig anzurufen. Und sie sagten uns, wir sollten den großteil der strecke auf der hauptstraße bleiben, was trotz der schön rauhen landschaft mit vielen fruchttragenden kakteen nach einiger zeit etwas monoton wurde, aber zumindest von den anrufen verschiedenster ordnungshüter – polizei Thala, garde national… - und den häufigen angeboten vorbeifahrender leute, uns mitzunehmen, aufgelockert wurde. Und irgendwann begegneten wir dann auch dem ersten polizeiauto, dessen insassen uns das übliche angebot unterbreiteten. Wenig später, laut karte nach 30 km auf der hauptstraße, bogen wir endlich ab auf eine kleinere straße, die uns in eine weitere kleinstadt führen sollte, von wo wir dann eine louage nach Kasserine nehmen wollten. Die gegend war noch schöner & ruhiger, doch von nun an hatten wir auch unsere aus verschiedenen autos bestehende polizei-eskorte, die uns folgte oder zumindest alle paar minuten an uns vorbeikam & um unser wohlbefinden besorgt schien. Als wir unsere mittagspause einlegten, parkte ein auto ca. 200 m entfernt und kam nach ca. 40 minuten zu uns herübergefahren – die immer äußerst freundlichen polizisten ermahnten uns, wir müssten nun aber wirklich los, sonst würde es nichts mehr mit der louage nach Kasserine. Also machten wir uns auf den weg und beteuerten von nun an immer wieder, wir würden uns beeilen, wenn die guten männer uns mitnehmen wollten. Nach abermals 10 km kamen wir an & wurden von einem der polizisten zur louage-station geleitet und freundlichst verabschiedet. Die fahrt führte durch eine abermals phantastische landschaft nach kesserine, welches zwischen drei bergen, darunter mit dem Djebel Chambi der höchste berg tunesiens, gelegen ist. was uns die ehre unserer persönlichen eskorte verschaffte, war uns nicht 100%ig klar & wir haben verschiedene erklärungen parat – die angst davor, dass touristen verschwinden könnten, ist seit der entführung einiger österreichischer touris mitte diesen jahres wohl gut verständlich, erst recht an der algerischen grenze, auf deren anderer seite nicht gerade ruhe zu herrschen scheint. Laut auskunft des auswärtigen amtes beginnt die gefahrenzone aber erst ein ganzes stück weiter südlich, sowohl in Tunesien wie in Algerien. Aber auch die theorie eine grenzpsychose, die wohl jeder polizeistaat hat, scheint nicht so völlig abwegig – oder die übereinkunft der beiden regierungen, sich gegenseitig gegen internationale aufmerksamkeit bspw. in form von berichterstattung über die jeweiligen krisengebiete, zu schützen. Wie dem auch sei, hoffentlich haben wir den polizisten nicht allzu viel probleme bereitet – hätten sie ja nach all ihren mühen gerne noch zu nem tee eingeladen, aber wir sollten ja möglichst bald weiterziehen. Die nacht verbrachten wir in nem netten hotel, wieder bier zum abendessen – bei anderen auch schon zum frühstück ;-) - und nach 12 std schlaf ging es per louage zurück nach tunis.
Dort angekommen, bin ich dann abends noch auf ein konzert gegangen, welches schon den ganzen tag gedauert hatte. Leider kam ich zu spät, um cover-versionen von coldplay und rage against the machine zu hören, aber die gruppen, die ich sehen konnte, waren auch schon den eintritt und die schweren beine wert. Und v.a. der eindruck der hiesigen „rock-szene“. Habe mich dort mit Ali, einem englisch-studenten von meiner fakultät, und seinen freunden getroffen. Nach einer für mich recht unspektakulären band kam mit „gultrah sound system“ richtung leben ins publikum – ihre art reggae mit geige ging gut ab & die leute haben ordentlich getanzt – ihre mwspace-seite hat leider noch nicht allzu viel zu bieten. Anschließend kamen zwei elektronische gruppen, die mit dem rock-publikum zwar so ihre schwierigkeiten hatten, aber nach einiger zeit doch so einige leute zum tanzen bringen konnten, u.a. auch Ali, seine Freunde & mich. Und die kondome ins publikum warfen (unbedeutendes detail am rande – wie so vieles). Alles in allem ein gelungener abend.
Am nächsten tag habe ich mir dann noch mit Ali & Murat und zwei cousins von Ali das derby zwischen den zwei größten fußball-clubs von tunis angeschaut – club africain vs. Esperance de tunis, 2:2. War unspektakulär, aber sehr nett, u.a. weil wir uns nett unterhalten haben und ich ein bißchen das gefühl von alltag bekommen habe, nach dem ich derzeit ein wenig bedarf habe.
So werde ich denn nun auch erst mal in tunis bleiben & zu arbeiten anfangen, die literatur-listen sind lang & v.a. zieht es sich hin, die bücher zu beschaffen & in lexikon-begleitung zu lesen.
Also, lasst es Euch gut gehen! und haut mal ein paar kommentare raus, wenn Ihr lust habt - bin schon so lange nicht mehr auf deutsch angepöbelt worden ;-)



zu den fotos:
blick auf und vom plateau, richtung Algerien

franzose mit umgebauter ente

morgendlicher blick ueber Thala

endlose strasse, mit Bushaltestelle und Alex

Kakteen und Kaktus-Feigen ueberall

ankunft in Kesserine













Mittwoch, 12. November 2008

Kino-Flash…

Ich möchte hier gar nicht in die details des hiesigen film-festivals einsteigen, aber dennoch ein paar wenige sätze zu diesem für mich großartigen event verlieren. Die Journées Cinématographiques de Carthage (JCC) finden hier jedes zweite jahr statt und hatten zumindest in diesem jahr einiges zu bieten. Filme aus aller herren länder und besonders viele werke, die in wahrscheinlich nicht so leicht in europäischen kinos zu finden sein werden, bspw. eine kollektion palästinensischer filme unter dem motto „gegen das vergessen“ – fand einige dieser filme sehr interessant, da sie einige spannende, aber auch sehr harte eindrücke aus gebieten vermittelten, deren lebensumstände mich doch sehr an das erinnern, was ich so von der apartheit gehört & gelesen habe. Zugleich zeigten sie das leben einiger menschen, die sich oftmals militärischer gewalt bis willkür ausgesetzt sehen und dies in ihrem alltag bspw. mit sehr schwarzem humor behandeln. leider haben die filme, die ich gesehen habe, allerdings auch nur eine seite des konflikts & diese etwas schwarz-weiß beleuchtet – aber aus der perspektive derer, die sich gegen eine empfundene kolonisation wehren, erscheint das zumindest rational, wenn auch aus meiner sicht nicht gerade besonders hilfreich bei der suche nach kompromissen.
Einige filme die ich auf jeden fall ausdrücklich empfehlen kann, sind der schon erwähnte film „entre les murs“ – Nico & bwana, könnte mir gut vorstellen, dass er Euch sehr gut gefallen würde, tolle „nahaufnahmen“ der umgangsformen zwischen schülern & lehrern - , „lettres au Sahara“ – ausführliche & vielseitige schilderung der geschichte eines senegalesischen boots-flüchtlings & seines weges durch Italien - , „le sel de la mer“ – „liebesdrama“ mit besonderen hindernissen in Palästina/Israel - , „it’s a free world“ – harte kost von Ken Loach über eine job-vermittlerin, die ihre goldgrube unter neu angekommenen migrantInnen gefunden zu haben glaubt - , „recycle“ – doku über ehemaligen leibwächter verschiedener taliban-größen, die sein leben nach der rückkehr nach jordanien – in den geburtsort von al zarqaoui – sehr alltagsnah dokumentiert - , „le chaos“ von Youssuf Chahine – großes gefühlskino à la bollywood mit mehr als unterschwelliger kritik an den politischen machthabern Ägyptens – nicht, dass ich davon eine ahnung hätte, aber einige der kritikpunkte sind sicher auch für Tunesien gültig. Dazu kommen unzählige kurzfilme, wo dann auch das tunesische kino bei mir ganz gut punkten konnte, u.a. durch die doku über einen neunjährigen jungen, der mit begeisterung recht gewalttätige comics zeichnet, deren helden von superman, batman, spiderman & co. inspiriert sind und deren größter feind „busharon“ heißt. Zugleich zeigte sich der junge aber als recht friedfertig & sagte, dass ganze sei nur in seinem kopf, mit seinen zeichnungen könne man keinen krieg führen & in wirklichkeit möge er krieg nicht. Und die besorgten eltern… - die mediengewalt-debatte findet auch hier statt.
In jedem fall habe ich die zeit genossen, war aber nach der woche auch froh, einen abend bzw. eine nacht mit anderen internationalen studierenden halloween zu feiern, endlich mal wieder zu tanzen & mal keinen film zu sehen ;-)
Ein weiteres mediales highlight ist dann aber doch noch erwähnenswert – Dienstag nacht mit einigen anderen leuten, Manuel, Alex (Belgien) und einigen US-AmerikanerInnen, die wahlnacht live über CNN, BBC und Al Jazeera verfolgt – untermalt von der ersten intensiveren weinprobe hier in tunesien. Und morgens um fünf bei verkündung des vorläufigen ergebnisses und um sechs zur rede Obamas dann bewegende momente, als einige der Amis tränen in den augen hatten – und ich mich an den gedanken gewöhnen musste, auf einmal möglicherweise auf US-amerikanerInnen wegen ihres präsidenten neidisch zu sein ;-) – das ist immerhin ne ganz schöne kehrtwende.

Alles liebe hier von meiner seite erst mal, bald gibt’s was aktuelleres!
greetz


Zu den fotos – das russische kultur- und wissenschaftszentrum in tunesien hat eine ganz besonders ausgeklügelte strategie, wie es männliche studierende anzuziehen hofft.