Samstag, 25. Oktober 2008

Schnell noch…

…diesen eintrag verfasst, bevor morgen das internationale filmfestival von karthago so richtig los geht und ich mir zeit dafür nehmen möchte. Das ganze findet zwar in tunis statt, aber anscheinend ist karthago der bessere marketing-begriff. Das festival hat auf jeden fall ein tolles programm aufzuweisen, u.a. den letzten film von Youssef Chahine, dem kürzlich verstorbenen „spielberg“ der „arabischen welt“, der allerdings ein wenig politischer zu werke geht, zumindest nach all dem, was ich bisher gehört & gelesen habe. Freue mich auf meinen ersten seiner filme! Und ich kann „entre les murs“ sehen, einen französischen film über eine schulklasse in einem pariser vorort/banlieu, den ich mir schon gerne in montpellier angeschaut hätte. Und diverse tunesische filme. es gibt so unglaublich viele andere filme aus aller herren länder an jedem tag bis kommenden Samstag. Als einziger deutscher film ist glaube ich Fatih Akins „auf der anderen seite“ vertreten. Dafür gibt es unwahrscheinlich viele filme aus ländern afrikas und des nahen ostens. Ich bin supergespannt.
Ich habe vor mittlerweile zwei wochen meinen arabisch-kurs an der bourguiba-school angefangen und bin zumindest von der sprache sehr angetan, v.a. das alphabet zu lernen macht spaß und lohnt sich, denn so kann ich nun überall rätsel lösen, indem ich einfach nur versuche, schilder in der stadt, aushänge an der uni, beschriftungen auf verpackungen etc. zu lesen und mir ihre aussprache zusammenzureimen – auch wenn ich kein wort dessen verstehe. Aber einfach das system eines anderen alphabets zu checken ist ne schöne sache. Ich habe vier stunden unterricht pro woche und unser lehrer spricht nur arabisch, was ich vom anspruch her zwar nicht schlecht finde, aber es sorgt bei mir eben doch häufiger mal für unklarheiten und mißverständnisse und ich frage mich, ob das wirklich so besonders effektiv ist – nach meinen vorstellungen von effektivität, versteht sich ;-). Aber gut, ich habe hier im foyerund am institut, an der „fac“, einige leute, die mir bei fragen weiterhelfen können. in jedem fall nimmt mich der arabisch-kurs so einigermaßen in anspruch, denn es gibt immer etwas nachzuarbeiten, auswendig zu lernen etc.
Mittlerweile bzw. schon vor knapp drei wochen ist mein zimmergenosse eingezogen. Sein name ist Mattoussi und bisher „läuft es ganz gut zwischen uns beiden“. Die befürchtung, es könnte mir etwas an privatsphäre und ruhe mangeln, hat sich bisher noch nicht bestätigt. Er ist recht beschäftigt, er studiert tourismus und ist leidenschaftlicher bodybuilder. Haben uns letztens einen film über arnold schwarzeneggers sechsten titel als mister universum (?) angeschaut – hatte vor tunesien nicht gedacht, dass es dazu jemals kommen könnte, aber sein enthusiasmus war zu groß, um mich diesem film völlig zu entziehen ;-) übers wochenende ist er meist zuhause in seinem heimatort Mejez El Bab, ca. 50 km südwestlich von tunis. Sein vater und er haben mich nun schon mehrmals zu sich nachhause eingeladen und ich freue mich schon darauf, einen ausflug dorthin zu machen, um ihn und seine familie als auch die gegend näher kennenzulernen.
Bin bisher nur dort hindurchgefahren, als ich am letzten wochenende(Samstag bis Montag) einen ausflug nach Tabarka und Ain Draham im nordwesten tunesiens unternommen habe. Fantastische fahrten durch tolles, grünes, aber dennoch oft etwas rauh wirkendes bergland – ich fühlte mich oftmals an karl may-verfilmungen erinnert, auch wenn diese meines wissens nach v.a. im ehemaligen jugoslawien aufgenommen wurden. Tabarka ist eine nette kleinstadt, die direkt am mittelmeer liegt, mit der Kroumirie, der bergregion des nordwestens, im rücken. Derzeit wird dort kräftig gebaut, um die stadt zum nächsten touristen-zentrum auszubauen, aber derzeit scheint sich deren präsenz noch in grenzen zu halten, wohl auch angesichts der jahreszeit – auch wenn die gefühlten 28 ° mir locker reichten, um ne runde schwimmen zu gehen. Ich habe v.a. die ruhe genossen, im gegensatz zum oft lauten und etwas hektisch wirkenden tunis – auch wenn es dort schön ruhige ecken gibt. alleine zu reisen war abgesehen von ein wenig einsamkeit am Samstag abend auch in ordnung. Am sonntag bin ich dann weitergefahren nach Ain Draham und die fahrt von Tabarka dorthin war schon ein absolutes highlight, das meine morgendlichen wanderbemühungen mit hoffnung auf tolle ausblicke in tabarka locker in den schatten stellte. Genau zu dieser zeit gab übrigens auch die batterie meiner kamera ihren geist auf, so dass es bisher leider nur ein foto der busfahrt gibt. aber ich möchte auch aus vielen anderen gründen gerne nochmal dorthin fahren und ein paar mehr tage dort verbringen. Das städtchen ist malerisch in den bergen der kroumirie gelegen, ist von den französischen kolonialherren gegründet und später zum erholungsort ausgebaut worden. Dort habe ich eine sehr nette und zudem günstige unterkunft in einem der in diversen städten des landes anzutreffenden „maisons de jeunesse“ gefunden und bin dann direkt auf den Dkebel Bir (1014m, immerhin, mit fernsehturm) gestiegen, von dem aus sich nochmals fantastische ausblicke über das umliegende bergland, stauseen in der umgebung, über die grenze bis nach Algerien und bis zum meer bei Tabarka boten. Überwältigend und eindrucksvoll genug, um dort den rest des tages zu verbringen. Auf meinem rückweg in die stadt habe ich dann noch eine interessante begegnung mit einer tunesierin und einem tunesier gehabt. Ich habe die beiden aufgeschreckt, als sie sich hinter einem felsbrocken versteckt hatten, auf den ich geklettert bin. Sie machten ein pick-nick und haben mir spontan etwas von ihrem obst angeboten. Ich wollte sie nicht stören, aber sie bestanden darauf und bei wirklich sonnengereiften birnen habe ich mich nicht lange bitten lassen – auch weil die situation zugleich sehr interessant wirkte. Die beiden erzählten mir dann anschließend von selbst davon, dass sie bereits seit einiger zeit eine geheime beziehung führen, obwohl beide verheiratet sind und kinder haben. Doch das stigma einer scheidung und die auswirkungen für die kinder halten sie von einer scheidung ab. Und dann sagte die gute frau auch noch, dass sie aber zumindest ein kind ihres freundes in und trotz ihrer ehe haben möchte – ob das ein witz war, weiß ich nicht so genau. Auf jeden fall war ich dankbar für das mir entgegengebrachte vertrauen und diesen kleinen einblick.
Den rest des tages habe ich in der stadt verbracht, u.a. anderem in einem netten straßen-café mit nem guten buch. Und am nächsten morgen ging es erholt und frisch zurück nach tunis.
Hier habe ich nun neben meinen fußballerischen aktivitäten auch was gefunden, wie ich mich anderweitig auspowern kann. Ich habe mit „silat seni gayong“, einer malaysischen kampfsportart, angefangen. Mal sehen, was aus diesem weiteren kapitel in meiner persönlichen geschichte kampfsportlichen aktionismus wird. Auf jeden fall ist das training sehr anstrengend, fordert disziplin und die leute machen einen netten eindruck. Viel weiß ich allerdings noch nicht über den sport und seine „philosophie“ selbst. Da wird mir aber der „meister“ sicher weiterhelfen können.
So, zeit essen zu gehen, Manuel wartet schon. Nen sandwich, couscousmit gemüse, pizza?! Mal schaun…
Lasst es Euch gut gehen!
david




Fotos:
blick ueber die kroumirie

aiguilles-felsen in tabarka

eindruecke aus tabarka

unterwegs























Mohamed, Marc und Manuel

strand in La Marsa

blick ueber die avenue de la liberté in richtung passage (strassenbahnhaltestelle)

unser zimmer

Studium beginnt…

Donnerstag, 23.10.
Schönen guten abend, meine damen & herren!
Tja, meine ehrgeizigen pläne, hier etwas regelmäßiger von meinen erlebnissen und eindrücken zu erzählen, sind bisher offenbar kläglich gescheitert, aber ich werde trotzdem versuchen, mich heute etwas kürzer zu fassen.
Das studentenleben hat hier mittlerweile voll angefangen und ich habe meine zweite richtige uni-woche fast hinter mir. Steht nur noch der vollgepackte Freitag an, danach geht’s ins hoffentlich erholsame wochenende. Nicht, dass ich unter der woche zu viel zu tun hätte, aber viel energie kostet es mich trotzdem. Ich habe einige interessante kurse, u.a. dank der ungewöhnlichen freiheit in der gestaltung des stundenplans, die mir zugestanden wurde. Besonders spannend erscheint mir der kurs „anthropologie des raums“ – ein nicht unbedingt selbsterklärender titel ;-). Der dozent monsieur Béchir Tlili hat auf mich einen sehr enthusiastischen und zugleich geordneten eindruck gemacht und das programm enthält einige soziologische leckerbissen, u.a. Franz Fanon. Geordnet schreibe ich deshalb, weil einige andere dozenten einen etwas weniger strukturierten eindruck auf mich gemacht haben, was ihre art, ein seminar zu gestalten betrifft. Aber gut, das ist auch nicht mehr als ein erster eindruck und kann auch der überblicksartigen einführung in themen, meinen sprachlichen grenzen oder anderen gründen geschuldet sein. Insgesamt komme ich sprachlich sehr gut klar, kann mich auch problemlos beteiligen, aber gelegentlich ist meine tagesform nicht die beste und es fällt mir schwer, die dozenten zu verstehen. Ansonsten habe ich einen kurs über „soziologie des alltäglichen und der erfahrung“ , einen methodologie-kurs, in dem die studierenden an das schreiben ihrer abschluss-arbeit herangeführt werden sollen und der interessante parallelen zu unseren diskussionen zum aufbau unseres lehrforschungsberichts aufweist, einen kurs über „sozialen wandel und entwicklung“ und unter umständen einen kurs in politischer anthropologie. Die umstände sind noch nicht so ganz klar, will heißen, die frage, ob der kurs auf arabisch ist oder nicht, habe ich mir bisher noch nicht beantworten können. Zumindest die „travaux dirigés“, eine art übung zur vorlesung, war auf französisch, aber diese hat auch erst einmal stattgefunden, das andere mal war der dozent „absent“. Viele meiner kurse sind in vorlesung plus übung unterteilt, was ich zunächst einmal ganz gut finde, so kann man sich - zumindest theoretisch - intensiv mit einem thema beschäftigen. Dann versuche ich noch seit einiger zeit, die literatur-listen der kurse, die auf arabisch sind und mich interessieren, zu bekommen, aber die dozentInnen mal zu erwischen ist nicht so leicht. in meinem studiengang gibt es außer mir nur einen jungen mann, Wegdi, und mit ihm, seiner verlobten Miriem und deren freundin verstehe ich mich bisher ganz gut. Und mit einigen englisch-studierenden habe ich mich auch schon ein wenig „angefreundet“. An kontakten wird es mir vermutlich nicht mangeln, werde bloß ein wenig die balance zwischen quantität und qualität suchen müssen.
Das leben am institut finde ich superspannend, auch wenn es für mich gelegentlich etwas anstrengend ist, da ich viel aufmerksamkeit auf mich ziehe. Ich werde oft freundlich angesprochen und gefragt, was ich hier mache. Aber zugleich werde ich eben auch viel beobachtet. Mal sehen, ob die zwei unübersehbaren löcher in meiner frisur, die ich mir beim haare schneiden selbst verpasst habe, eine qualitative oder quantitative veränderung der aufmerksamkeit mit sich bringen – scheiße, wie drücke ich mich eigentlich aus?! Vorige woche gab es eine veranstaltung einer gruppe von studierenden, die von einigen meiner bisherigen bekannten als „oppositionelle“ und „gegen das system“ bezeichnet werden. Und die inhalte ihrer reden und kämpferischen parolen, oder zumindest das, was ich mitgekriegt habe, war auch nicht unbedingt wohlwollend gegenüber der regierung und ihres umgangs mit studierenden. Sie haben u.a. den selektiven zugang zu den unis, zu den wohnheimen, die situation in den wohnheimen – z.B. dass wie bei uns die duschen nur drei mal pro woche geöffnet werden – und die einführung des LMD-systems, des hiesigen äquivalents zum bachelor-master-systems, kritisiert. Und die praxis der immer vor dem fakultäts-eingang postierten polizisten(1-2), studentinnen mit kopftuch aufzufordern, dieses abzunehmen – die regierung ist dem kopftuch anscheinend nicht besonders wohlwollend gegenüber eingestellt und fürchtet es eher als sysmbol eines konservativen bis fundamentalistischen islam. Dennoch gibt es im institut viele mädels mit kopftuch, die sich den polizisten erfolgreich widersetzen, später auf dem arbeitsmarkt aber angeblich ihre probleme haben werden. Umso bewundernswerter finde ich die entscheidung, ein kopftuch auch gegen diese hindernisse zu tragen – wenn es eine persönliche entscheidung ist. Eine gruppe von polizisten und anderen leuten verfolgte in jedem fall die veranstaltung mit großer aufmerksamkeit von außerhalb des instituts. Und eine bekannte sagte mir, dass die beteiligten studierenden später sicher probleme haben würden, einen arbeitsplatz zu finden.
So viel für heute, mit dem nächsten eintrag dann mehr, v.a. zu meinem mitbewohner.
Herzliche grüße!