Sonntag, 28. September 2008

Sesshafter Student am ISSHT...(- der Roman beginnt ;-)

diesen Titel darf ich mir mittlerweile nach knapp zwei Wochen in Tunis mit Recht geben. Aber von vorne...

Ich bin am Donnerstag, 11.09., hier in Tunis angekommen und habe zunächst einmal in der hiesigen Jugendherberge Quartier bezogen, um von dort aus in Ruhe ein Zimmer suchen zu können, mich einzuschreiben usw. Die Herberge ist mitten in der Medina - sozusagen der Altstadt - von Tunis gelegen. Es gibt viele, schöne, schmale und verwinkelte Gassen und es war nicht weiter schwierig, sich dort ordentlich zu verlaufen, zumindest in den ersten Tagen. Am Freitag nach meiner Ankunft – dem offiziellen Semesteranfang - begann dann auch mein Weg durch die Administration des ISSHT, des Institut Superièure des Sciences Humaines de Tunis, an dem mein Département de Sociologie angesiedelt ist. Am ersten Tag habe ich direkt Bekanntschaft mit der gefühlten Hälfte der MitarbeiterInnen gemacht und am Ende des Tages war ich wieder im gleichen Büro, in dem ich mich zu Anfang gemeldet hatte, ohne soviel schlauer zu sein – aber gut, nun kannte ich zumindest einen Großteil der Leute dort und sie kannten mich. Als Info hatte ich schon vorher, dass die Uni-Veranstaltungen erst gegen Ende des Ramadan, also ab Oktober so richtig anfangen würden, so dass ich noch ausreichend Zeit haben würde, meine Einschreibung etc. voranzutreiben. So habe ich mich denn in den nächsten Tagen intensiv genau darum gekümmert und besonders darum gekämpft, trotz der schwierigen internationalen Vergleichbarkeit des alten Diplom-Systems in Deutschland hier im vierten und letzten Jahr des Soziologie-Master-Studiums aufgenommen zu werden. Gerade dieser Frage der schwierigen Vergleichbarkeit und Bestimmung meines Niveaus hatte ich dann auch einen guten Teil meiner Mühen mit der hiesigen Bürokratie zu verdanken, doch einige Leute am Institut und im Ministerium für Hochschulbildung waren wirklich sehr freundlich und hilfsbereit und haben mir dann auch noch direkt zu einem Platz in einem staatlichen Studentenwohnheim verholfen, in dem ich seit vorletztem Samstag wohne. Und seit vergangenem Montag, nach gerade einmal anderthalb Wochen Auseinandersetzungen mit der Bürokratie, bin ich tatsächlich im vierten Jahr des hiesigen Soziologie-Masters, Schwerpunkt Entwicklungssoziologie, eingeschrieben. Auf meinem Weg durch die administrativen Einheiten habe ich dann auch direkt einen Einblick in das hiesige Zeitverständnis erhalten – Sätze wie „sie ist heute nicht gekommen, vielleicht kommt sie morgen“ oder „er ist noch nicht angekommen, ich weiß auch nicht, wann er da sein wird“ haben mir einige Geduld abverlangt und mich häufiger zum ungewissen Warten verdammt. Und ich glaube, dass mir das zum Teil auch ganz gut tat ;-) - außerdem hatte ich in der Regel immer mögliche GesprächspartnerInnen, etwas zu beobachten oder zu lesen oder sonstiges zu tun, um die Zeit angenehm verstreichen zu lassen. Von Zeit zu Zeit war es aber definitiv etwas ärgerlich, nicht zu wissen, wann man einen Schritt weiter kommen würde.

Zu meiner Unterkunft: habe über die superfreundlichen und hilfsbereiten MitarbeiterInnen in der Abteilung für internationale Kooperationen einen Platz in einem staatlichen Studentenwohnheim bekommen – und das innerhalb gerade mal einer Woche, obwohl ich vor meiner Ankunft nicht wie sonst üblich mein Interesse an einem Platz angedeutet hatte. Würde mich interessieren, ob es für die internationalen Studierenden in Bielefeld ähnlich leicht ist – ich wage es zu bezweifeln. Angenehmer Nebeneffekt eines Platzes in einem staatlichen Studentenwohnheim: es kostet umgerechnet gerade mal 6 € pro Monat. Einen Haken hat das Ganze aber doch, denn ich habe derzeit kein Einzelzimmer, wie ich es eigentlich gerne hätte. Um mich zu erholen und gelegentlich völlig abzuschalten, wäre das eventuell doch besser, glaube ich. Aber erst mal abwarten, bis mein Zimmergenosse angekommen ist – er ist während des Ramadans noch bei seiner Familie und ich kenne ihn noch überhaupt nicht. Und in ein paar Wochen könnte sich dann möglicherweise doch noch was machen lassen mit einem Einzelzimmer – allerdings möchte ich hier auch keine oder nicht zu extreme Extrawürste gebraten bekommen, wo ich doch schon oft genug das Gefühl habe, dass ich als Westler hier oft bevorzugt behandelt werde. Aber gut, das lässt sich z.T. auch einfach als Gastfreundschaft interpretieren - nur dass eine solche Interpretation schwer haltbar wird, wenn man an einer langen Warteschlange von Studis vorbei dirigiert wird, um zuerst bedient zu werden. Werde mir parallel vermutlich noch andere private Wohnheime anschauen, auch wenn das hiesige Wohnheim schon schwer zu toppen ist, was einige andere Merkmale anbelangt. Es ist wirklich im Stadtzentrum gelegen, nördlich der dem Champs-Elysées nachempfundenen und nach dem ehemaligen Präsidenten benannten Flaniermeile Avenue Habib Bourguiba. Hier brummt das Leben, direkt um die Ecke ist ein großer Souk, auf dem man alles Lebensnotwendige finden kann. In der Parallelstraße fährt eine der fünf Linien der Straßenbahn entlang und einer der zentralen Umsteigeplätze ist nur fünf Minuten zu Fuß entfernt. Das Viertel ist stark von alten, teils recht maroden Kolonialbauten und diversen Alleen geprägt, laut Reiseführer zählte es früher zu den elegantesten Vierteln der französischen Neustadt. Einige Parks sind auch in unmittelbarer Nähe, so z.B. der Parc Belvédère, von dessen Hügel aus man einen tollen Ausblick über Tunis hat (s. Fotos). Zudem ist es mit der Straßenbahn nicht besonders weit zur Cité Olympique, einem sehr großen Sportkomplex mit diversen Stadien, welcher für die olympischen Spiele des Mittelmeerraums 2001 in Tunis angelegt wurde. Dort ist abends zumindest während des Ramadan meist einiges los, will heißen es gibt viele Leute, die dort verschiedensten sportlichen Aktivitäten nachgehen. Habe dort mittlerweile auch schon zweimal Fußball gespielt, trotz der walnußgroßen Löcher in meinen Schuhsohlen ;-) Hat Riesen-Spaß gemacht, besonders da ich seit meiner Nasenoperation so gut wie überhaupt noch nicht gespielt habe. Und auf dem Beton kann man seine Ballbeherrschung und Schnelligkeit gut trainieren bzw. einsetzen.

Einen Einblick in das kulturelle Leben der Hauptstadt habe ich auch schon erhalten. Während des Ramadan findet das Festival der Medina statt, welches jeden Abend in der Altstadt Konzerte, Vorträge, Ausstellungen etc. zu bieten hat. Besonders während der Zeit in der Jugendherberge sind wir viel um die Häuser der Medina gezogen und haben die diversen Kulturzentren abgeklappert, um zu sehen, was der Abend noch so bereit hält. „Wir“ will heißen Mohamed, ein netter junger Mann aus Djerba, der sozusagen ehrenamtlich in der Jugendherberge arbeitet und mir viele Fragen beantworten konnte, Manuel, ein Kanadier aus Quebec(krasser Akzent), der hier einen Arabisch-Kurs besuchen wird und im gleichen Wohnheim wohnt, und diverse, wechselnde Gäste der Jugendherberge, deren einzelne Aufzählung ich Euch ersparen werde. Unter den Konzerten war beispielsweise eines einer Gruppe von tunesischen Jugendlichen, die mit diversen Streichinstrumenten (ca. 6 Gitarren, Cello, Geige, Ud) und einer phänomenalen Sängerin einige arabische Lieder, aber auch ein wenig Flamenco – glaube ich – und Lieder von Janis Joplin, Bob Dylan und Norah Jones gespielt haben. Das war ein absolutes Highlight und nebenbei das erste Mal, dass ich einen tunesischen Jugendlichen mit AC/DC-T-Shirt gesehen habe. Alternativ zum Medina-Festival-Programm bietet sich natürlich auch fast immer die Möglichkeit, in einem Straßencafé einen Tee (stark gezuckert, mit frischer Minze) zu trinken und eventuell eine Shisha zu rauchen – so kann man die lebendige Atmosphäre auf den Straßen oder aber – je nach Lage des Cafés – die Ruhe der Medina-Gassen genießen. Oder wie gestern Abend ins Kino zu gehen, wo wir uns den Dokumentarfilm von Emir Kusturica über Maradona angeschaut haben.

Habe mich auch schon mehrfach mit meiner „Internet-Bekanntschaft“ Mohamed getroffen. Ich hatte seine E-Mail-Adresse von einer ehemaligen deutschen Studentin in Tunis bekommen und wir hatten uns bereits vor meiner Abreise ein wenig ausgetauscht. Er studiert Germanistik und so kann ich mit ihm gelegentlich auch mal wieder etwas meiner geliebten Muttersprache nachgehen – so bin ich nicht nur auf das Schreiben von viel zu langen Mails, Lesen und deutschen HipHop zurückgeworfen. Er hat mir in den ersten Tagen auch schon ein wenig die Stadt gezeigt, die ich ansonsten v.a. nebenbei während meiner Touren durch tunesische Büros erkundet habe. Und er hat mich zweimal zu sich nach Hause zum Essen eingeladen. Er wohnt mit seinem Bruder zusammen und seine Mutter war zudem zu Besuch, um für die beiden während des Ramadan zu kochen. So bin ich in den Genuß von guter tunesischer Hausfrauen-Kost und einigen (etwas unstrukturierten ;-) Arabisch-Stunden gekommen. Und ein Exemplar der sich ansonsten in Sousse befindlichen Fotoalben-Sammlung habe ich auch schon zu Gesicht bekommen – Fortsetzung folgt dann in Sousse. Dorthin wollte Mohamed mich auch schon übers Wochenende einladen, aber ich wollte die Möglichkeit dann doch lieber nutzen, mir ein wenig Luft für das bald beginnende Semester zu verschaffen, indem ich mich an die Überarbeitung unserer Lehrforschungsarbeit gemacht habe – ansonsten wird mich diese Aufgabe das Semester über noch stärker begleiten und nach Sousse werde ich Mohamed sicher auch noch ein anderes Mal begleiten können. Und zum Aid el Fitr, dem dreitägigen Fest zum Ende des Ramadan in der kommenden Woche, werden wir uns vermutlich auch schon wieder sehen.

Ach ja, der Ramadan. Bisher fehlt mir noch der Vergleichsmoment, um irgendetwas darüber aussagen zu können, welche Auswirkungen der Ramadan auf das alltägliche Leben hat – und auch mit der Vergleichsfolie wollte ich höchstens sehr vorsichtige Bemerkungen in dieser Hinsicht machen. Aber zumindest ein paar Beobachtungen: auf der Straße wird – mit Ausnahme von Kindern und einigen unsensiblen Touristen - nicht gegessen, nicht getrunken, nicht geraucht – bis zum Sonnenuntergang. So gibt es Brot bspw. oft erst ab dem Nachmittag zu kaufen und gegen sieben Uhr sind selbst die ansonsten lebendigsten Straßen wie leer gefegt oder man sieht nur noch einige, wenige Leute mit Einkäufen nach Hause eilen. Doch tagsüber kann man auch einige Orte entdecken, wo die Leute nicht fasten. Per Zufall bin ich auf solch einen „Sündenpfuhl“ aufmerksam geworden. Auf der Suche nach einer öffentlichen Toilette bei einem meiner Streifzüge durch die Stadt wurde ich auf ein Café hingewiesen, das ich zuvor für geschlossen gehalten hatte, da seine Fensterscheiben mit Zeitungspapier abgeklebt waren. Doch als ich die Tür öffnete, kam mir zunächst einmal eine dicke Rauch-Wolke entgegen und als ich wieder etwas sehen konnte ;-), realisierte ich den Grund für das Zeitungspapier – hier saßen viele junge bis ältere Männer beisammen und rauchten, tranken Tee und aßen Kuchen, spielten Karten oder folgten den Bildern des Fernsehers. Die Atmosphäre gefiel mir auf Anhieb, auch wegen der tollen Mosaike an den Wänden und auf den Bänken des Cafés, aber wegen der dicken Rauchschwaden und der Unsicherheit, ob ich hier evtl. an einem etwas delikaten Ort bin, bin ich dann doch wieder recht schnell weiter gezogen. Solche Cafés entdecke ich nun aber immer wieder und die Leute, die hinauskommen, gehen in der Regel recht schnell ihrer Wege, wohl um nicht gesehen zu werden. Freue mich in jedem Fall darauf, diese Cafés nach dem Ramadan gelegentlich besuchen zu können. Ach ja, und ich sehe oft Leute am helllichten Tage an allen möglichen Stellen in der Stadt schlafen, wohl um den Schlafmangel der ungewöhnlich langen bzw. kurzen Ramadan-Nächte(viel Nachtleben, ca. 4:30 frühstücken) zu kompensieren und den Hunger, Durst und Energie-Mangel besser zu ertragen.

Und nun noch ein paar abschließende Bemerkungen zum Wetter: in der ersten Woche waren es angeblich unglaubliche 46° C, was meinem Gefühl auf jeden Fall nahekommt. Mittlerweile ist es allerdings deutlich abgekühlt und nachdem es ca. eineinhalb Wochen lang ungefähr 28 ° C war, haben wir mittlerweile vermutlich nur noch ca. 22° C, was sich aber sofort massiv ändert, wenn sich die Sonne zeigt. Das sind allerdings nur meine groben Schätzungen.

So langsam wird es Zeit, dass hier die Uni losgeht, damit ich weitere Kontakte knüpfen kann. Nicht, dass das hier im Wohnheim besonders schwierig ist, aber auf die Uni-Kontakte bin ich derzeit besonders gespannt. Und das Wohnheim ist zumindest im Augenblick so gut wie leer, weil fast alle Bewohner über Aid el Fitr zu ihren Familien gefahren sind.

So, das soll es fürs erste gewesen sein. In Zukunft werde ich versuchen, regelmäßiger und entsprechend kürzer zu beschreiben, was sich hier so tut. Nun werde ich noch ein wenig meine Mückenjagd-Techniken perfektionnieren ;-)

Seid gegrüßt und lasst es Euch gut gehen!


David


erste Fotos aus Tunis










Ausblicke ueber Tunis, u.a. aus dem Parc du Belvédère

Gasse der Medina in Richtung der Ez-Zitouna Moschee

Strassenbilder, u.a. die Avenue de la Liberté, Allee direkt um die Ecke des Wohnheims

Mohamed (Germanistik-Student) und ich vor den Daechern der Medina, im Hintergrund das Minarett der Ez Zitouna-Moschee (eine der aeltesten und groessten Moscheen Tunesiens)

"Star Wars-Blick" ueber Daecher der Medina bei abendlichem Gewitter

Dienstag, 23. September 2008

Eindruecke aus Montpellier




































































































































































































Zu den Fotos:
Balkon der Sprachschule: Sapher, Bipna, Ana, Sabri
IAM
Im IAM: Guilia, Bipna, Walter, Ervis, Sabri, Sapher, Ana, Florian

Rue de Maguelone, die zum Place de la Comedie hinauffuehrt - dem zentralen Platz in Montpellier

Guilia, Sabri, Guiseppe, Ana

Abschiedsessen: Kartoffelsalat

Blick von Guilias und Guiseppes Balkon

unser Wohnzimmer

Prune und Ben an ueblicher Stelle

Cathédrale de la Major, Marseille

Eindruecke von Marseille

Marseille im Ruecken

Sonnenuntergang auf See

Einfahrt in Tunis

Cap Bon

Kurzer Vorlauf: Ein Monat in Montpellier…


… der als sprachliche Vorbereitung auf mein Auslandssemester dienen sollte, währenddessen ich mich noch ein wenig erholen und die „französische Lebensart“ genießen wollte und der viel zu schnell verging. Ich werde noch einmal einen kurzen Rückblick versuchen, auch wenn das angesichts all der neuen Eindrücke hier in Tunis nicht gerade leicht ist:

Ich hatte mit etwas Glück & der Vermittlung eines Bekannten eine Unterkunft in einer WG gefunden und abgesehen von der Tatsache, dass die Wohnung von der Sprachschule des IAM (Institut Agronomique de la Méditerranéen Montpellier) aus betrachtet auf der anderen Seite von Montpellier liegt, war die nicht ganz freiwillige Entscheidung für diese WG ein absoluter Glückgriff. Nette MitbewohnerInnen und häufig ein und aus gehende andere Gäste, von denen ich ein wenig über die viel beschworene „französische Lebensart“ lernen konnte, bspw. locker auf der Couch rumhängen & mal wieder gar nichts tun – auch wenn ich das meist nicht allzu lange durchgehalten habe. Und ich konnte an der Alltags- & Straßentauglichkeit meines Französisch arbeiten – und Begriffe lernen, auf deren Verwendung ich hier in Tunis nun zunächst einmal vorsichtshalber verzichten werde ;-)

Während des dreiwöchigen Sprachkurses habe ich einige sehr nette Leute kennengerlernt, von denen ein Großteil schon vor mir angekommen war und im Anschluss an den Sprachkurs einen Masterstudiengang im Themenbereich ländlicher Entwicklung am IAM machen wird. Wir haben häufig etwas zusammen unternommen, v.a. abendliche Streifzüge durch die Kneipen der Stadt und Ausflüge am Wochenende.

Wie der – von mir zugegebenermaßen heraufbeschworene – Zufall es dann wollte, habe ich bei einem unserer Ausflüge zu einem Stadtfest in Beziers in schon leicht alkoholisiertem Zustand eine ansonsten 62 € kostende Karte für einen Stierkampf geschenkt bekommen und hab mir dieses Spektakel dann tatsächlich angetan, obwohl und gerade weil mir die Begeisterung und das Verständnis für eine solche Veranstaltung vollkommen fehlt – ich wollte zumindest versuchen zu begreifen, was die Leute hieran so fasziniert und wollte nicht glauben, dass es einfach nur der Todeskampf eines so mächtig wirkenden Tieres im Angesicht eines oder mehrerer Menschen ist. Zwei Stunden, sechs tote Stiere und ein flaues Gefühl im Magen später war ich nicht so viel schlauer als vorher. Zwar haben meine Sitznachbarn, von denen ich die Karte bekommen hatte, sich große Mühe gegeben, all meine Fragen zu beantworten, bspw. ob das Fleisch des Tieres anschließend gegessen wird – ja – aber ihre Argumente für diesen „Sport“ fand ich doch etwas zweifelhaft – dass diese Tiere bis zu ihrem Tod ein super Leben führen, diese Rasse nur zum Zweck des Stierkampfes noch erhalten werde und ansonsten aussterben würde. Auch das Argument meiner Mitbewohnerin Justine, dass der Stier so zumindest einen besseren Tod sterben könnte als im Schlachthof, fand ich etwas an den Haaren herbeigezogen – sicher weiß ich nicht, ob das Tier lieber im Kampf oder durch einen Kopfschuss sterben möchte, aber die Geräusche der Tiere gegen Ende des Kampfes zeugten für mich davon, dass sie diese Art des Todes nicht wirklich zu schätzen wussten & einen Scheiß auf einen „ehrenvollen Tod“ geben – welch Überraschung! Aber zumindest habe ich begriffen, dass das Publikum sehr wohl darauf bedacht zu sein scheint, dass der Torero einen „guten, sauberen und fairen“ Kampf führt – die zwischenzeitlichen Pfiffe bei einigen Attacken oder beim vermasselten Todesstoß waren hier deutliche Hinweise. Diese Begriffe von Fairness und Sauberkeit – „Sportlichkeit“ - bleiben mir dennoch fremd.

Zurück zu den schöneren Seiten: großartig waren die Freitag Abende, während derer man beim sogenannten Estival die Möglichkeit hatte, zu moderaten Preisen Wein und andere Köstlichkeiten der Region zu probieren oder auch ausgiebiger zu genießen. Das Ganze fand in angenehmem Ambiente in einem Park im Stadtzentrum statt und anschließend konnte man noch schön ein wenig durch die Bars ziehen und die lebendige Atmosphäre auf den Straßen genießen. Hier würde ich natürlich am liebsten ein paar Fotos präsentieren, die dieses Flair ein wenig eingefangen hätten, aber leider bin ich in der Regel sehr fotografierfaul und trage nur ungern meine Kamera ständig mit mir herum. Ich fürchte, dass mir noch mehrfach in den nächsten Monaten die nötigen Bilder zur Begleitung meiner Beschreibungen fehlen werden, aber ich werde zumindest gelegentlich versuchen, auch für mein persönliches Fotoalbum ein paar nette Aufnahmen zu machen und hier reinzustellen. Die Atmosphäre auf den Straßen Montpelliers habe ich in jedem Fall sehr genossen; für mich war eine gewisse Lockerheit und Ferienstimmung permanent präsent und das lag nicht an den vielen Touristen, sondern auch oder v.a. in unserem Wohnviertel erging es mir so. DieLeute wirkten auf mich nicht im geringsten gehetzt und schienen sich intensiv den schönen Dingen des Lebens zu widmen, so z.B. der Zeit, die man gemeinsam mit Freunden in Restaurants und Cafés verbringt. Generell war die Bereitschaft, Geld in Gaststätten auszugeben, für mein Empfinden recht stark ausgeprägt und ein Besucher in unserer WG erzählte mir zudem, dass die Franzosen mit ihren Ausgaben für Nahrungsmittel im EU-Durchschnitt deutlich führend wären.

Nun ja, im Endeffekt fiel mir der Abschied aus Montpellier angesichts dieser angenehmen Zeit nicht wirklich leicht und ich habe zwischenzeitlich sogar mit dem Gedanken gespielt, dort zu bleiben und mich an der Uni Montpellier einzuschreiben. Unter anderem die Aussicht, mich dort in Ruhe der französischen Sprache widmen zu können, ohne den Druck zu verspüren, Arabisch zu lernen, hat mich ins Grübeln gebracht – zumindest nicht zu früh. Die intensive Beschäftigung mit dem Französischen hatte mir sehr viel Spaß gemacht, denn ich konnte deutlich meine Fortschritte sehen und das abstrakt Erlernte oftmals direkt im Alltag anwenden. Doch nach ein paar Tagen war dieser Gedanke dann aber auch abgehakt, ich hatte mich damit arrangiert, dass meine Priorität in Tunesien nicht so sehr auf dem Erlernen der arabischen Sprache bzw. des tunesischen Dialekts liegen wird – auch wenn meine ich schon noch deutliche Ambitionen in dieser Hinsicht habe - und ich habe mich wie geplant auf den Weg nach Marseille gemacht, um von dort den Dampfer nach Tunis zu nehmen. So konnte ich zumindest im Vorbeigehen nochmal kurz ein wenig die Atmosphäre und den Anblick von Marseille genießen. Habe mir eine kleine Kabine mit angeblich drei Tunesiern geteilt, von denen ich aber nur zwei zu Gesicht bekommen habe. Der Ramadan begegnete mir bereits auf dem Schiff viel deutlicher als noch in unserer Nachbarschaft in Montpellier, denn es waren fast ausschließlich TunesierInnen an Bord, so dass bis zum herrlichen Sonnenuntergang nichts gegessen wurde & ich nur in versteckten Ecken schnell etwas zur Stärkung nach der anstrengenden Odyssee mit meinen drei Taschen durch Marseille zu mir nehmen konnte. Habe die folgende Nacht geschlafen wie ein Baby und am nächsten Vormittag kam dann schon die tunesische Küste in Sicht und ich konnte das langsame Einlaufen in den Golf von Tunis genießen. Nach der recht unkomplizierten Ankunft im Hafen bin ich dann natürlich erst mal einem „falschen Taxi-Fahrer“ auf den Leim gegangen, der mit mir ohne Taximeter im Endeffekt ein prima Geschäft gemacht haben dürfte – und ich habe das Lehrgeld mal wieder direkt zu Beginn gezahlt, ohne dass es mir wirklich weh getan hätte. Der gute Mann hat mich auf jeden Fall nicht allzu weit entfernt von der Jugendherberge rausgelassen, von wo aus ich anschließend meine ersten Schritte in Tunis machen wollte, sprich Einschreibung, Wohnungssuche, Stadt ein wenig kennenlernen etc. Davon später mehr…

bis dahin liebe gruesse!

david