Dienstag, 23. Dezember 2008

Schafe überall – Aid El Itha

So, nach langer ruhe mal wieder ein paar neuigkeiten, wobei sie z.T. auch nicht mehr so aktuell sind. zunächst einmal wären da der 8., 9. & 10. Dezember zu erwähnen, während derer die uni ausfiel & das opferfest, das wichtigste fest im islamischen kalender, gefeiert wurde (erinnert daran, wie Abraham von gott aufgefordert wurde, seinen sohn zu opfern & nachdem er sich dazu durchgerungen hatte, gehorsam zu sein, gott ihn in letzter sekunde stattdessen ein schaf schlachten ließ) es war zunächst einmal ein angenehm ruhiges, verlängertes wochenende. die tage zuvor konnte man die vorbereitungen auf das fest schon allerorten in Tunis sehen & hören, denn überall wurden schafe verkauft, nach hause transportiert & abends hörte ich oft ihr blöken von den balkonen. Ali, ein „angehender Freund“ aus der uni hatte mich für den Montag zu seiner familie eingeladen & ich durfte der schlachtung (nicht so toll ;-), dem anschließenden grillen & familien-essen beiwohnen. Ich wurde mal wieder mit gastfreundschaft überhäuft & konnte endlich mal ein bißchen mehr familien-leben miterleben. Die mutter & Alis schwestern verbrachten wohl einen großteil des tages in der küche, um verschiedenste mehr oder weniger typische opferfest-gerichte zuzubereiten. Spannend fand ich v.a., dass wirklich fast alles vom schaf verwendet wird – auf das angebot gegrillter hoden kam ich aber nicht zurück, obwohl mich die evtl aphrodisierende wirkung schon interessiert hätte ;-) Alis Familie ist sie nicht, aber es gibt familien, in denen auch die familien-juwelen ihre verwendung finden. Ali & ich verbrachten den tag dann damit, gut zu essen – hausmannkost ist halt doch was anderes als das, was ich mir sonst so auf der straße oder in den günstigen restaurants gönne – und fotos anzuschauen, musik zu hören etc. es gibt wohl auch einige typische lieder für das opferfest, was mich ein wenig an weihnachten erinnerte, auch wenn es bei weitem nicht so viele zu sein scheinen. Ach ja, das schaf soll natürlich mit respekt behandelt werden, radio Mosaik hat sogar nen wettbewerb organisiert, wessen schaf das schönste ist.
Was gab es sonst so in den letzten wochen?
Die „journées du cinéma européen“ hatten einige tolle filme zu bieten, u.a. „cinecitta“(tunes. Banküberfall-komödie mit großem humor), „northern light“(niederl.(klar;-), vater-sohn-beziehung nach tod der mutter), „am ende kommen die touristen“(dtsch-poln. Film über zivildienst in Oswiecim, ehemals ausschwitz), „un franco, 14 pesetas“ (span. Film über arbeitsmigranten in der schweiz) – und bald geht’s mit den russischen filmtagen weiter, wobei ich mich dank meinem mitbewohner Mattoussi gerade eigentlich mehr für das tunesische kino bzw (halb so selbstgefällig) für tunesische filme interessiere – ist ja auch nicht so weit hergeholt ;-)
Ach ja, mittlerweile ist es hier gelegentlich arschkalt, zumindest gefühlt dank der hohen luftfeuchtigkeit. Aber heute hab ich gesehen, dass es trotzdem noch 16° grad waren. Hätte dennoch wärmere klamotten einpacken sollen, na ja, beim nächsten mal.
Hab meine ersten arabisch-prüfungen gut hinter mich gebracht. nach den 14 tagen ferien, die es hier für die schulen & unis gibt, geht’s anfang januar direkt mit drei klausuren an der uni weiter, wobei das ein bißchen lotterie-spielen wird, da es sich um modul-klausuren handelt, in denen ein kurs des moduls nach dem zufallsprinzip geprüft wird, und ich nur jeweils an einem der kurse der module teilgenommen habe, da der jeweils andere auf arabisch war. Aber gut, on verra…
Mir geht’s grad recht gut, genieße die ruhe in „meinem“ zimmer, die sich sonst, wenn Mattoussi da ist, eher selten bei mir einstellt. Die meisten bewohner des foyers sind nach hause gefahren & nur die internationalen studierenden sind geblieben, will heißen derzeit Manuel, Hassan (Burundi) & ich. Und ich werde in den nächsten tagen noch ein wenig zeit haben, mich mit neuen bekannten zu treffen & 5 grade sein zu lassen.
Euch allen erst mal ein paar schöne weihnachtstage!
Liebe grüße!

david


fotos:
die nachgereichte, gepimpte ente inklusive fahrer und Alex vor dem table de jugurtha

ausflug ins restaurant, in dem Mattoussi seine "restaurant-manager-pruefung" zu bestehen hatte; war sehr angenehm und lecker; beteiligt: Manuel, Alex, Martina und ich

El Mattous, mein mitbewohner

"mein chill out-point" im parc de belvedère, mit ausblick ueber tunis, dazu pick-nick und hermann hesse

Ali, schlachter und schaf

Ali mit seinen Eltern

Che war Esperance-fan









Montag, 17. November 2008

Kurzurlaub zum 21. Jahrestag…

…der friedlichen revolution, die den augenblicklichen präsidenten an die macht gebracht hat. Anlässlich dieses jahrestags hatten wir ab Donnerstag vorletzter woche (bin mal wieder etwas spaet dran) frei und Alex, ein belgischer arabisch-Student an der Bourguiba-School, und ich sind früh morgens in den nordwesten nach El Khef gefahren, um dort wandern zu gehen. Von dort sind wir noch ein wenig weiter gefahren, um nahe der algerischen grenze das 1200m messende hochplateau „table de Jugurtha“ zu besteigen. Aus dem angenehm ruhigen dorf, wo wir mit einer „louage“, einem kleinbus, angekommen sind, waren es dann nur noch ca. 5 km, die landschaftlich schon recht ansprechend waren. Und auch die dörfliche atmosphäre war toll & gutes kontrastprogramm zu Tunis – welches mir aber trotz der gelegentlichen kommentare über seinen lärm etc. immer noch gut gefällt. Es gab ein paar äußerst höfliche & interessierte kinder, die uns den weg zum aufstieg aufs plateau zeigten. Von dort oben hatten wir einen tollen ausblick & ein etwas wortkarger ortsansässiger führte uns ein wenig herum, zeigte uns die in den fels geschlagenen höhlen und wasserbecken, die den wechselnden ehemaligen bewohner-gruppen, u.a. Berbern, erlaubten, dort ihr vieh zu halten – wie auch immer sie es zuvor über die steilen stufen dorthinauf gebracht hatten – und langen belagerungen standzuhalten. Ebenso sahen wir einen marabut, das grabmal eines islamischen heiligen. Leider blieb die vorstellung vom leben dort oben für mich etwas leblos, doch das war ja auch nicht der hauptgrund unseres besuchs. Den ausblick in richtung algerien und über das übrige umland konnte ich jedenfalls genießen – obwohl es recht kalt da oben war. Die Berge dort sind etwas ungewöhnlich im vergleich zu dem, was ich bisher so gesehen habe, da es oft keine durchgehenden gebirgsketten gibt, sondern einige große „brocken“ mitten in die landschaft gepflanzt sind. Beim abstieg vom table haben wir dann einen franzosen getroffen, der mit seiner „gepimpten“ ente durch tunesien tourt und uns später auf unserem weg in richtung des nächsten südlich des table gelegenen dorfes nochmals begegnete und erzählte, er habe eine ganze zeit lang ein polizei-auto als eskorte hinter sich gehabt – für uns ein kleiner vorgeschmack auf den nächsten tag. Wir wussten leider nicht so genau, wo und in welcher entfernung wir den nächsten ort finden würden, wo wir übernachten könnten, da unsere karte nicht so besonders informativ war & die leute vor ort uns meist nur die grobe richtung zeigten. Aber wir verließen uns darauf, dass es schon klappen würde & wir zur not halt irgendwo fragen müssten, ob wir in einem schuppen oder so übernachten könnten. Als es dann so langsam dämmerte & der nächste ort nach auskunft der „locals“ noch ein ganzes stück entfernt war, fingen wir an zu trampen & wurden auch ein gutes stück von einem netten mann mitgenommen, dessen sohn unseretwegen seinen platz auf dem beifahrersitz aufgeben und sich mit dem schoss seines vaters und dem lenkrad vor der nase zufrieden geben musste. Die beiden fuhren unseretwegen extra ein stück weiter, als eigentlich beabsichtigt. Auch wenn sie uns einige kilometer mitgenommen hatten, so war es anschließend doch noch ein ganzes stück zu fuß und es war schon dunkel, als wir nach einigen kilometern wieder glück hatten, und auf einem pick-up mit ins nächste dorf genommen wurden. Die vorherige ungewißheit zahlte sich nun in form von einem großartigen moment hinten auf dem pick-up aus, währenddessen wir die schöne landschaft endgültig in der nacht versinken sahen und ihre spärliche beleuchtung durch halbmond und sternenhimmel genießen konnten. Der gute junge mann bot im nächsten dorf auch noch an, uns gegen ein annehmbares entgelt in die nächste stadt namens Thala zu bringen, denn in dem dorf oder der kleinstadt gab es wie vermutet kein hotel. Im hotel in Thala angekommen konnten wir dann den tag mit einem bier zum abendessen ausklingen lassen, welches in dieser gegend – wie uns später erklärt wurde – wegen der kälte gern und anscheinend auch in ordentlichen mengen getrunken wird ;-)
Am nächsten tag fragten wir noch in Thala (übrigens auf gut 1000m gelegen & nachts verdammt kalt) einen polizisten – großartige idee ;-) – nach dem weg nach Kasserine und wurden prompt um unsere personalausweise gebeten und nach einigen telefonaten wollte man uns mit dem auto nach Kasserine fahren. Nachdem wir dann aber klargemacht hatten, dass es uns gerade ums zu fuß gehen ging, gaben sich die besorgten ordnungshüter dann aber mit unseren telefonnummern zufrieden und versprachen, uns regelmäßig anzurufen. Und sie sagten uns, wir sollten den großteil der strecke auf der hauptstraße bleiben, was trotz der schön rauhen landschaft mit vielen fruchttragenden kakteen nach einiger zeit etwas monoton wurde, aber zumindest von den anrufen verschiedenster ordnungshüter – polizei Thala, garde national… - und den häufigen angeboten vorbeifahrender leute, uns mitzunehmen, aufgelockert wurde. Und irgendwann begegneten wir dann auch dem ersten polizeiauto, dessen insassen uns das übliche angebot unterbreiteten. Wenig später, laut karte nach 30 km auf der hauptstraße, bogen wir endlich ab auf eine kleinere straße, die uns in eine weitere kleinstadt führen sollte, von wo wir dann eine louage nach Kasserine nehmen wollten. Die gegend war noch schöner & ruhiger, doch von nun an hatten wir auch unsere aus verschiedenen autos bestehende polizei-eskorte, die uns folgte oder zumindest alle paar minuten an uns vorbeikam & um unser wohlbefinden besorgt schien. Als wir unsere mittagspause einlegten, parkte ein auto ca. 200 m entfernt und kam nach ca. 40 minuten zu uns herübergefahren – die immer äußerst freundlichen polizisten ermahnten uns, wir müssten nun aber wirklich los, sonst würde es nichts mehr mit der louage nach Kasserine. Also machten wir uns auf den weg und beteuerten von nun an immer wieder, wir würden uns beeilen, wenn die guten männer uns mitnehmen wollten. Nach abermals 10 km kamen wir an & wurden von einem der polizisten zur louage-station geleitet und freundlichst verabschiedet. Die fahrt führte durch eine abermals phantastische landschaft nach kesserine, welches zwischen drei bergen, darunter mit dem Djebel Chambi der höchste berg tunesiens, gelegen ist. was uns die ehre unserer persönlichen eskorte verschaffte, war uns nicht 100%ig klar & wir haben verschiedene erklärungen parat – die angst davor, dass touristen verschwinden könnten, ist seit der entführung einiger österreichischer touris mitte diesen jahres wohl gut verständlich, erst recht an der algerischen grenze, auf deren anderer seite nicht gerade ruhe zu herrschen scheint. Laut auskunft des auswärtigen amtes beginnt die gefahrenzone aber erst ein ganzes stück weiter südlich, sowohl in Tunesien wie in Algerien. Aber auch die theorie eine grenzpsychose, die wohl jeder polizeistaat hat, scheint nicht so völlig abwegig – oder die übereinkunft der beiden regierungen, sich gegenseitig gegen internationale aufmerksamkeit bspw. in form von berichterstattung über die jeweiligen krisengebiete, zu schützen. Wie dem auch sei, hoffentlich haben wir den polizisten nicht allzu viel probleme bereitet – hätten sie ja nach all ihren mühen gerne noch zu nem tee eingeladen, aber wir sollten ja möglichst bald weiterziehen. Die nacht verbrachten wir in nem netten hotel, wieder bier zum abendessen – bei anderen auch schon zum frühstück ;-) - und nach 12 std schlaf ging es per louage zurück nach tunis.
Dort angekommen, bin ich dann abends noch auf ein konzert gegangen, welches schon den ganzen tag gedauert hatte. Leider kam ich zu spät, um cover-versionen von coldplay und rage against the machine zu hören, aber die gruppen, die ich sehen konnte, waren auch schon den eintritt und die schweren beine wert. Und v.a. der eindruck der hiesigen „rock-szene“. Habe mich dort mit Ali, einem englisch-studenten von meiner fakultät, und seinen freunden getroffen. Nach einer für mich recht unspektakulären band kam mit „gultrah sound system“ richtung leben ins publikum – ihre art reggae mit geige ging gut ab & die leute haben ordentlich getanzt – ihre mwspace-seite hat leider noch nicht allzu viel zu bieten. Anschließend kamen zwei elektronische gruppen, die mit dem rock-publikum zwar so ihre schwierigkeiten hatten, aber nach einiger zeit doch so einige leute zum tanzen bringen konnten, u.a. auch Ali, seine Freunde & mich. Und die kondome ins publikum warfen (unbedeutendes detail am rande – wie so vieles). Alles in allem ein gelungener abend.
Am nächsten tag habe ich mir dann noch mit Ali & Murat und zwei cousins von Ali das derby zwischen den zwei größten fußball-clubs von tunis angeschaut – club africain vs. Esperance de tunis, 2:2. War unspektakulär, aber sehr nett, u.a. weil wir uns nett unterhalten haben und ich ein bißchen das gefühl von alltag bekommen habe, nach dem ich derzeit ein wenig bedarf habe.
So werde ich denn nun auch erst mal in tunis bleiben & zu arbeiten anfangen, die literatur-listen sind lang & v.a. zieht es sich hin, die bücher zu beschaffen & in lexikon-begleitung zu lesen.
Also, lasst es Euch gut gehen! und haut mal ein paar kommentare raus, wenn Ihr lust habt - bin schon so lange nicht mehr auf deutsch angepöbelt worden ;-)



zu den fotos:
blick auf und vom plateau, richtung Algerien

franzose mit umgebauter ente

morgendlicher blick ueber Thala

endlose strasse, mit Bushaltestelle und Alex

Kakteen und Kaktus-Feigen ueberall

ankunft in Kesserine













Mittwoch, 12. November 2008

Kino-Flash…

Ich möchte hier gar nicht in die details des hiesigen film-festivals einsteigen, aber dennoch ein paar wenige sätze zu diesem für mich großartigen event verlieren. Die Journées Cinématographiques de Carthage (JCC) finden hier jedes zweite jahr statt und hatten zumindest in diesem jahr einiges zu bieten. Filme aus aller herren länder und besonders viele werke, die in wahrscheinlich nicht so leicht in europäischen kinos zu finden sein werden, bspw. eine kollektion palästinensischer filme unter dem motto „gegen das vergessen“ – fand einige dieser filme sehr interessant, da sie einige spannende, aber auch sehr harte eindrücke aus gebieten vermittelten, deren lebensumstände mich doch sehr an das erinnern, was ich so von der apartheit gehört & gelesen habe. Zugleich zeigten sie das leben einiger menschen, die sich oftmals militärischer gewalt bis willkür ausgesetzt sehen und dies in ihrem alltag bspw. mit sehr schwarzem humor behandeln. leider haben die filme, die ich gesehen habe, allerdings auch nur eine seite des konflikts & diese etwas schwarz-weiß beleuchtet – aber aus der perspektive derer, die sich gegen eine empfundene kolonisation wehren, erscheint das zumindest rational, wenn auch aus meiner sicht nicht gerade besonders hilfreich bei der suche nach kompromissen.
Einige filme die ich auf jeden fall ausdrücklich empfehlen kann, sind der schon erwähnte film „entre les murs“ – Nico & bwana, könnte mir gut vorstellen, dass er Euch sehr gut gefallen würde, tolle „nahaufnahmen“ der umgangsformen zwischen schülern & lehrern - , „lettres au Sahara“ – ausführliche & vielseitige schilderung der geschichte eines senegalesischen boots-flüchtlings & seines weges durch Italien - , „le sel de la mer“ – „liebesdrama“ mit besonderen hindernissen in Palästina/Israel - , „it’s a free world“ – harte kost von Ken Loach über eine job-vermittlerin, die ihre goldgrube unter neu angekommenen migrantInnen gefunden zu haben glaubt - , „recycle“ – doku über ehemaligen leibwächter verschiedener taliban-größen, die sein leben nach der rückkehr nach jordanien – in den geburtsort von al zarqaoui – sehr alltagsnah dokumentiert - , „le chaos“ von Youssuf Chahine – großes gefühlskino à la bollywood mit mehr als unterschwelliger kritik an den politischen machthabern Ägyptens – nicht, dass ich davon eine ahnung hätte, aber einige der kritikpunkte sind sicher auch für Tunesien gültig. Dazu kommen unzählige kurzfilme, wo dann auch das tunesische kino bei mir ganz gut punkten konnte, u.a. durch die doku über einen neunjährigen jungen, der mit begeisterung recht gewalttätige comics zeichnet, deren helden von superman, batman, spiderman & co. inspiriert sind und deren größter feind „busharon“ heißt. Zugleich zeigte sich der junge aber als recht friedfertig & sagte, dass ganze sei nur in seinem kopf, mit seinen zeichnungen könne man keinen krieg führen & in wirklichkeit möge er krieg nicht. Und die besorgten eltern… - die mediengewalt-debatte findet auch hier statt.
In jedem fall habe ich die zeit genossen, war aber nach der woche auch froh, einen abend bzw. eine nacht mit anderen internationalen studierenden halloween zu feiern, endlich mal wieder zu tanzen & mal keinen film zu sehen ;-)
Ein weiteres mediales highlight ist dann aber doch noch erwähnenswert – Dienstag nacht mit einigen anderen leuten, Manuel, Alex (Belgien) und einigen US-AmerikanerInnen, die wahlnacht live über CNN, BBC und Al Jazeera verfolgt – untermalt von der ersten intensiveren weinprobe hier in tunesien. Und morgens um fünf bei verkündung des vorläufigen ergebnisses und um sechs zur rede Obamas dann bewegende momente, als einige der Amis tränen in den augen hatten – und ich mich an den gedanken gewöhnen musste, auf einmal möglicherweise auf US-amerikanerInnen wegen ihres präsidenten neidisch zu sein ;-) – das ist immerhin ne ganz schöne kehrtwende.

Alles liebe hier von meiner seite erst mal, bald gibt’s was aktuelleres!
greetz


Zu den fotos – das russische kultur- und wissenschaftszentrum in tunesien hat eine ganz besonders ausgeklügelte strategie, wie es männliche studierende anzuziehen hofft.


Samstag, 25. Oktober 2008

Schnell noch…

…diesen eintrag verfasst, bevor morgen das internationale filmfestival von karthago so richtig los geht und ich mir zeit dafür nehmen möchte. Das ganze findet zwar in tunis statt, aber anscheinend ist karthago der bessere marketing-begriff. Das festival hat auf jeden fall ein tolles programm aufzuweisen, u.a. den letzten film von Youssef Chahine, dem kürzlich verstorbenen „spielberg“ der „arabischen welt“, der allerdings ein wenig politischer zu werke geht, zumindest nach all dem, was ich bisher gehört & gelesen habe. Freue mich auf meinen ersten seiner filme! Und ich kann „entre les murs“ sehen, einen französischen film über eine schulklasse in einem pariser vorort/banlieu, den ich mir schon gerne in montpellier angeschaut hätte. Und diverse tunesische filme. es gibt so unglaublich viele andere filme aus aller herren länder an jedem tag bis kommenden Samstag. Als einziger deutscher film ist glaube ich Fatih Akins „auf der anderen seite“ vertreten. Dafür gibt es unwahrscheinlich viele filme aus ländern afrikas und des nahen ostens. Ich bin supergespannt.
Ich habe vor mittlerweile zwei wochen meinen arabisch-kurs an der bourguiba-school angefangen und bin zumindest von der sprache sehr angetan, v.a. das alphabet zu lernen macht spaß und lohnt sich, denn so kann ich nun überall rätsel lösen, indem ich einfach nur versuche, schilder in der stadt, aushänge an der uni, beschriftungen auf verpackungen etc. zu lesen und mir ihre aussprache zusammenzureimen – auch wenn ich kein wort dessen verstehe. Aber einfach das system eines anderen alphabets zu checken ist ne schöne sache. Ich habe vier stunden unterricht pro woche und unser lehrer spricht nur arabisch, was ich vom anspruch her zwar nicht schlecht finde, aber es sorgt bei mir eben doch häufiger mal für unklarheiten und mißverständnisse und ich frage mich, ob das wirklich so besonders effektiv ist – nach meinen vorstellungen von effektivität, versteht sich ;-). Aber gut, ich habe hier im foyerund am institut, an der „fac“, einige leute, die mir bei fragen weiterhelfen können. in jedem fall nimmt mich der arabisch-kurs so einigermaßen in anspruch, denn es gibt immer etwas nachzuarbeiten, auswendig zu lernen etc.
Mittlerweile bzw. schon vor knapp drei wochen ist mein zimmergenosse eingezogen. Sein name ist Mattoussi und bisher „läuft es ganz gut zwischen uns beiden“. Die befürchtung, es könnte mir etwas an privatsphäre und ruhe mangeln, hat sich bisher noch nicht bestätigt. Er ist recht beschäftigt, er studiert tourismus und ist leidenschaftlicher bodybuilder. Haben uns letztens einen film über arnold schwarzeneggers sechsten titel als mister universum (?) angeschaut – hatte vor tunesien nicht gedacht, dass es dazu jemals kommen könnte, aber sein enthusiasmus war zu groß, um mich diesem film völlig zu entziehen ;-) übers wochenende ist er meist zuhause in seinem heimatort Mejez El Bab, ca. 50 km südwestlich von tunis. Sein vater und er haben mich nun schon mehrmals zu sich nachhause eingeladen und ich freue mich schon darauf, einen ausflug dorthin zu machen, um ihn und seine familie als auch die gegend näher kennenzulernen.
Bin bisher nur dort hindurchgefahren, als ich am letzten wochenende(Samstag bis Montag) einen ausflug nach Tabarka und Ain Draham im nordwesten tunesiens unternommen habe. Fantastische fahrten durch tolles, grünes, aber dennoch oft etwas rauh wirkendes bergland – ich fühlte mich oftmals an karl may-verfilmungen erinnert, auch wenn diese meines wissens nach v.a. im ehemaligen jugoslawien aufgenommen wurden. Tabarka ist eine nette kleinstadt, die direkt am mittelmeer liegt, mit der Kroumirie, der bergregion des nordwestens, im rücken. Derzeit wird dort kräftig gebaut, um die stadt zum nächsten touristen-zentrum auszubauen, aber derzeit scheint sich deren präsenz noch in grenzen zu halten, wohl auch angesichts der jahreszeit – auch wenn die gefühlten 28 ° mir locker reichten, um ne runde schwimmen zu gehen. Ich habe v.a. die ruhe genossen, im gegensatz zum oft lauten und etwas hektisch wirkenden tunis – auch wenn es dort schön ruhige ecken gibt. alleine zu reisen war abgesehen von ein wenig einsamkeit am Samstag abend auch in ordnung. Am sonntag bin ich dann weitergefahren nach Ain Draham und die fahrt von Tabarka dorthin war schon ein absolutes highlight, das meine morgendlichen wanderbemühungen mit hoffnung auf tolle ausblicke in tabarka locker in den schatten stellte. Genau zu dieser zeit gab übrigens auch die batterie meiner kamera ihren geist auf, so dass es bisher leider nur ein foto der busfahrt gibt. aber ich möchte auch aus vielen anderen gründen gerne nochmal dorthin fahren und ein paar mehr tage dort verbringen. Das städtchen ist malerisch in den bergen der kroumirie gelegen, ist von den französischen kolonialherren gegründet und später zum erholungsort ausgebaut worden. Dort habe ich eine sehr nette und zudem günstige unterkunft in einem der in diversen städten des landes anzutreffenden „maisons de jeunesse“ gefunden und bin dann direkt auf den Dkebel Bir (1014m, immerhin, mit fernsehturm) gestiegen, von dem aus sich nochmals fantastische ausblicke über das umliegende bergland, stauseen in der umgebung, über die grenze bis nach Algerien und bis zum meer bei Tabarka boten. Überwältigend und eindrucksvoll genug, um dort den rest des tages zu verbringen. Auf meinem rückweg in die stadt habe ich dann noch eine interessante begegnung mit einer tunesierin und einem tunesier gehabt. Ich habe die beiden aufgeschreckt, als sie sich hinter einem felsbrocken versteckt hatten, auf den ich geklettert bin. Sie machten ein pick-nick und haben mir spontan etwas von ihrem obst angeboten. Ich wollte sie nicht stören, aber sie bestanden darauf und bei wirklich sonnengereiften birnen habe ich mich nicht lange bitten lassen – auch weil die situation zugleich sehr interessant wirkte. Die beiden erzählten mir dann anschließend von selbst davon, dass sie bereits seit einiger zeit eine geheime beziehung führen, obwohl beide verheiratet sind und kinder haben. Doch das stigma einer scheidung und die auswirkungen für die kinder halten sie von einer scheidung ab. Und dann sagte die gute frau auch noch, dass sie aber zumindest ein kind ihres freundes in und trotz ihrer ehe haben möchte – ob das ein witz war, weiß ich nicht so genau. Auf jeden fall war ich dankbar für das mir entgegengebrachte vertrauen und diesen kleinen einblick.
Den rest des tages habe ich in der stadt verbracht, u.a. anderem in einem netten straßen-café mit nem guten buch. Und am nächsten morgen ging es erholt und frisch zurück nach tunis.
Hier habe ich nun neben meinen fußballerischen aktivitäten auch was gefunden, wie ich mich anderweitig auspowern kann. Ich habe mit „silat seni gayong“, einer malaysischen kampfsportart, angefangen. Mal sehen, was aus diesem weiteren kapitel in meiner persönlichen geschichte kampfsportlichen aktionismus wird. Auf jeden fall ist das training sehr anstrengend, fordert disziplin und die leute machen einen netten eindruck. Viel weiß ich allerdings noch nicht über den sport und seine „philosophie“ selbst. Da wird mir aber der „meister“ sicher weiterhelfen können.
So, zeit essen zu gehen, Manuel wartet schon. Nen sandwich, couscousmit gemüse, pizza?! Mal schaun…
Lasst es Euch gut gehen!
david




Fotos:
blick ueber die kroumirie

aiguilles-felsen in tabarka

eindruecke aus tabarka

unterwegs























Mohamed, Marc und Manuel

strand in La Marsa

blick ueber die avenue de la liberté in richtung passage (strassenbahnhaltestelle)

unser zimmer

Studium beginnt…

Donnerstag, 23.10.
Schönen guten abend, meine damen & herren!
Tja, meine ehrgeizigen pläne, hier etwas regelmäßiger von meinen erlebnissen und eindrücken zu erzählen, sind bisher offenbar kläglich gescheitert, aber ich werde trotzdem versuchen, mich heute etwas kürzer zu fassen.
Das studentenleben hat hier mittlerweile voll angefangen und ich habe meine zweite richtige uni-woche fast hinter mir. Steht nur noch der vollgepackte Freitag an, danach geht’s ins hoffentlich erholsame wochenende. Nicht, dass ich unter der woche zu viel zu tun hätte, aber viel energie kostet es mich trotzdem. Ich habe einige interessante kurse, u.a. dank der ungewöhnlichen freiheit in der gestaltung des stundenplans, die mir zugestanden wurde. Besonders spannend erscheint mir der kurs „anthropologie des raums“ – ein nicht unbedingt selbsterklärender titel ;-). Der dozent monsieur Béchir Tlili hat auf mich einen sehr enthusiastischen und zugleich geordneten eindruck gemacht und das programm enthält einige soziologische leckerbissen, u.a. Franz Fanon. Geordnet schreibe ich deshalb, weil einige andere dozenten einen etwas weniger strukturierten eindruck auf mich gemacht haben, was ihre art, ein seminar zu gestalten betrifft. Aber gut, das ist auch nicht mehr als ein erster eindruck und kann auch der überblicksartigen einführung in themen, meinen sprachlichen grenzen oder anderen gründen geschuldet sein. Insgesamt komme ich sprachlich sehr gut klar, kann mich auch problemlos beteiligen, aber gelegentlich ist meine tagesform nicht die beste und es fällt mir schwer, die dozenten zu verstehen. Ansonsten habe ich einen kurs über „soziologie des alltäglichen und der erfahrung“ , einen methodologie-kurs, in dem die studierenden an das schreiben ihrer abschluss-arbeit herangeführt werden sollen und der interessante parallelen zu unseren diskussionen zum aufbau unseres lehrforschungsberichts aufweist, einen kurs über „sozialen wandel und entwicklung“ und unter umständen einen kurs in politischer anthropologie. Die umstände sind noch nicht so ganz klar, will heißen, die frage, ob der kurs auf arabisch ist oder nicht, habe ich mir bisher noch nicht beantworten können. Zumindest die „travaux dirigés“, eine art übung zur vorlesung, war auf französisch, aber diese hat auch erst einmal stattgefunden, das andere mal war der dozent „absent“. Viele meiner kurse sind in vorlesung plus übung unterteilt, was ich zunächst einmal ganz gut finde, so kann man sich - zumindest theoretisch - intensiv mit einem thema beschäftigen. Dann versuche ich noch seit einiger zeit, die literatur-listen der kurse, die auf arabisch sind und mich interessieren, zu bekommen, aber die dozentInnen mal zu erwischen ist nicht so leicht. in meinem studiengang gibt es außer mir nur einen jungen mann, Wegdi, und mit ihm, seiner verlobten Miriem und deren freundin verstehe ich mich bisher ganz gut. Und mit einigen englisch-studierenden habe ich mich auch schon ein wenig „angefreundet“. An kontakten wird es mir vermutlich nicht mangeln, werde bloß ein wenig die balance zwischen quantität und qualität suchen müssen.
Das leben am institut finde ich superspannend, auch wenn es für mich gelegentlich etwas anstrengend ist, da ich viel aufmerksamkeit auf mich ziehe. Ich werde oft freundlich angesprochen und gefragt, was ich hier mache. Aber zugleich werde ich eben auch viel beobachtet. Mal sehen, ob die zwei unübersehbaren löcher in meiner frisur, die ich mir beim haare schneiden selbst verpasst habe, eine qualitative oder quantitative veränderung der aufmerksamkeit mit sich bringen – scheiße, wie drücke ich mich eigentlich aus?! Vorige woche gab es eine veranstaltung einer gruppe von studierenden, die von einigen meiner bisherigen bekannten als „oppositionelle“ und „gegen das system“ bezeichnet werden. Und die inhalte ihrer reden und kämpferischen parolen, oder zumindest das, was ich mitgekriegt habe, war auch nicht unbedingt wohlwollend gegenüber der regierung und ihres umgangs mit studierenden. Sie haben u.a. den selektiven zugang zu den unis, zu den wohnheimen, die situation in den wohnheimen – z.B. dass wie bei uns die duschen nur drei mal pro woche geöffnet werden – und die einführung des LMD-systems, des hiesigen äquivalents zum bachelor-master-systems, kritisiert. Und die praxis der immer vor dem fakultäts-eingang postierten polizisten(1-2), studentinnen mit kopftuch aufzufordern, dieses abzunehmen – die regierung ist dem kopftuch anscheinend nicht besonders wohlwollend gegenüber eingestellt und fürchtet es eher als sysmbol eines konservativen bis fundamentalistischen islam. Dennoch gibt es im institut viele mädels mit kopftuch, die sich den polizisten erfolgreich widersetzen, später auf dem arbeitsmarkt aber angeblich ihre probleme haben werden. Umso bewundernswerter finde ich die entscheidung, ein kopftuch auch gegen diese hindernisse zu tragen – wenn es eine persönliche entscheidung ist. Eine gruppe von polizisten und anderen leuten verfolgte in jedem fall die veranstaltung mit großer aufmerksamkeit von außerhalb des instituts. Und eine bekannte sagte mir, dass die beteiligten studierenden später sicher probleme haben würden, einen arbeitsplatz zu finden.
So viel für heute, mit dem nächsten eintrag dann mehr, v.a. zu meinem mitbewohner.
Herzliche grüße!

Sonntag, 28. September 2008

Sesshafter Student am ISSHT...(- der Roman beginnt ;-)

diesen Titel darf ich mir mittlerweile nach knapp zwei Wochen in Tunis mit Recht geben. Aber von vorne...

Ich bin am Donnerstag, 11.09., hier in Tunis angekommen und habe zunächst einmal in der hiesigen Jugendherberge Quartier bezogen, um von dort aus in Ruhe ein Zimmer suchen zu können, mich einzuschreiben usw. Die Herberge ist mitten in der Medina - sozusagen der Altstadt - von Tunis gelegen. Es gibt viele, schöne, schmale und verwinkelte Gassen und es war nicht weiter schwierig, sich dort ordentlich zu verlaufen, zumindest in den ersten Tagen. Am Freitag nach meiner Ankunft – dem offiziellen Semesteranfang - begann dann auch mein Weg durch die Administration des ISSHT, des Institut Superièure des Sciences Humaines de Tunis, an dem mein Département de Sociologie angesiedelt ist. Am ersten Tag habe ich direkt Bekanntschaft mit der gefühlten Hälfte der MitarbeiterInnen gemacht und am Ende des Tages war ich wieder im gleichen Büro, in dem ich mich zu Anfang gemeldet hatte, ohne soviel schlauer zu sein – aber gut, nun kannte ich zumindest einen Großteil der Leute dort und sie kannten mich. Als Info hatte ich schon vorher, dass die Uni-Veranstaltungen erst gegen Ende des Ramadan, also ab Oktober so richtig anfangen würden, so dass ich noch ausreichend Zeit haben würde, meine Einschreibung etc. voranzutreiben. So habe ich mich denn in den nächsten Tagen intensiv genau darum gekümmert und besonders darum gekämpft, trotz der schwierigen internationalen Vergleichbarkeit des alten Diplom-Systems in Deutschland hier im vierten und letzten Jahr des Soziologie-Master-Studiums aufgenommen zu werden. Gerade dieser Frage der schwierigen Vergleichbarkeit und Bestimmung meines Niveaus hatte ich dann auch einen guten Teil meiner Mühen mit der hiesigen Bürokratie zu verdanken, doch einige Leute am Institut und im Ministerium für Hochschulbildung waren wirklich sehr freundlich und hilfsbereit und haben mir dann auch noch direkt zu einem Platz in einem staatlichen Studentenwohnheim verholfen, in dem ich seit vorletztem Samstag wohne. Und seit vergangenem Montag, nach gerade einmal anderthalb Wochen Auseinandersetzungen mit der Bürokratie, bin ich tatsächlich im vierten Jahr des hiesigen Soziologie-Masters, Schwerpunkt Entwicklungssoziologie, eingeschrieben. Auf meinem Weg durch die administrativen Einheiten habe ich dann auch direkt einen Einblick in das hiesige Zeitverständnis erhalten – Sätze wie „sie ist heute nicht gekommen, vielleicht kommt sie morgen“ oder „er ist noch nicht angekommen, ich weiß auch nicht, wann er da sein wird“ haben mir einige Geduld abverlangt und mich häufiger zum ungewissen Warten verdammt. Und ich glaube, dass mir das zum Teil auch ganz gut tat ;-) - außerdem hatte ich in der Regel immer mögliche GesprächspartnerInnen, etwas zu beobachten oder zu lesen oder sonstiges zu tun, um die Zeit angenehm verstreichen zu lassen. Von Zeit zu Zeit war es aber definitiv etwas ärgerlich, nicht zu wissen, wann man einen Schritt weiter kommen würde.

Zu meiner Unterkunft: habe über die superfreundlichen und hilfsbereiten MitarbeiterInnen in der Abteilung für internationale Kooperationen einen Platz in einem staatlichen Studentenwohnheim bekommen – und das innerhalb gerade mal einer Woche, obwohl ich vor meiner Ankunft nicht wie sonst üblich mein Interesse an einem Platz angedeutet hatte. Würde mich interessieren, ob es für die internationalen Studierenden in Bielefeld ähnlich leicht ist – ich wage es zu bezweifeln. Angenehmer Nebeneffekt eines Platzes in einem staatlichen Studentenwohnheim: es kostet umgerechnet gerade mal 6 € pro Monat. Einen Haken hat das Ganze aber doch, denn ich habe derzeit kein Einzelzimmer, wie ich es eigentlich gerne hätte. Um mich zu erholen und gelegentlich völlig abzuschalten, wäre das eventuell doch besser, glaube ich. Aber erst mal abwarten, bis mein Zimmergenosse angekommen ist – er ist während des Ramadans noch bei seiner Familie und ich kenne ihn noch überhaupt nicht. Und in ein paar Wochen könnte sich dann möglicherweise doch noch was machen lassen mit einem Einzelzimmer – allerdings möchte ich hier auch keine oder nicht zu extreme Extrawürste gebraten bekommen, wo ich doch schon oft genug das Gefühl habe, dass ich als Westler hier oft bevorzugt behandelt werde. Aber gut, das lässt sich z.T. auch einfach als Gastfreundschaft interpretieren - nur dass eine solche Interpretation schwer haltbar wird, wenn man an einer langen Warteschlange von Studis vorbei dirigiert wird, um zuerst bedient zu werden. Werde mir parallel vermutlich noch andere private Wohnheime anschauen, auch wenn das hiesige Wohnheim schon schwer zu toppen ist, was einige andere Merkmale anbelangt. Es ist wirklich im Stadtzentrum gelegen, nördlich der dem Champs-Elysées nachempfundenen und nach dem ehemaligen Präsidenten benannten Flaniermeile Avenue Habib Bourguiba. Hier brummt das Leben, direkt um die Ecke ist ein großer Souk, auf dem man alles Lebensnotwendige finden kann. In der Parallelstraße fährt eine der fünf Linien der Straßenbahn entlang und einer der zentralen Umsteigeplätze ist nur fünf Minuten zu Fuß entfernt. Das Viertel ist stark von alten, teils recht maroden Kolonialbauten und diversen Alleen geprägt, laut Reiseführer zählte es früher zu den elegantesten Vierteln der französischen Neustadt. Einige Parks sind auch in unmittelbarer Nähe, so z.B. der Parc Belvédère, von dessen Hügel aus man einen tollen Ausblick über Tunis hat (s. Fotos). Zudem ist es mit der Straßenbahn nicht besonders weit zur Cité Olympique, einem sehr großen Sportkomplex mit diversen Stadien, welcher für die olympischen Spiele des Mittelmeerraums 2001 in Tunis angelegt wurde. Dort ist abends zumindest während des Ramadan meist einiges los, will heißen es gibt viele Leute, die dort verschiedensten sportlichen Aktivitäten nachgehen. Habe dort mittlerweile auch schon zweimal Fußball gespielt, trotz der walnußgroßen Löcher in meinen Schuhsohlen ;-) Hat Riesen-Spaß gemacht, besonders da ich seit meiner Nasenoperation so gut wie überhaupt noch nicht gespielt habe. Und auf dem Beton kann man seine Ballbeherrschung und Schnelligkeit gut trainieren bzw. einsetzen.

Einen Einblick in das kulturelle Leben der Hauptstadt habe ich auch schon erhalten. Während des Ramadan findet das Festival der Medina statt, welches jeden Abend in der Altstadt Konzerte, Vorträge, Ausstellungen etc. zu bieten hat. Besonders während der Zeit in der Jugendherberge sind wir viel um die Häuser der Medina gezogen und haben die diversen Kulturzentren abgeklappert, um zu sehen, was der Abend noch so bereit hält. „Wir“ will heißen Mohamed, ein netter junger Mann aus Djerba, der sozusagen ehrenamtlich in der Jugendherberge arbeitet und mir viele Fragen beantworten konnte, Manuel, ein Kanadier aus Quebec(krasser Akzent), der hier einen Arabisch-Kurs besuchen wird und im gleichen Wohnheim wohnt, und diverse, wechselnde Gäste der Jugendherberge, deren einzelne Aufzählung ich Euch ersparen werde. Unter den Konzerten war beispielsweise eines einer Gruppe von tunesischen Jugendlichen, die mit diversen Streichinstrumenten (ca. 6 Gitarren, Cello, Geige, Ud) und einer phänomenalen Sängerin einige arabische Lieder, aber auch ein wenig Flamenco – glaube ich – und Lieder von Janis Joplin, Bob Dylan und Norah Jones gespielt haben. Das war ein absolutes Highlight und nebenbei das erste Mal, dass ich einen tunesischen Jugendlichen mit AC/DC-T-Shirt gesehen habe. Alternativ zum Medina-Festival-Programm bietet sich natürlich auch fast immer die Möglichkeit, in einem Straßencafé einen Tee (stark gezuckert, mit frischer Minze) zu trinken und eventuell eine Shisha zu rauchen – so kann man die lebendige Atmosphäre auf den Straßen oder aber – je nach Lage des Cafés – die Ruhe der Medina-Gassen genießen. Oder wie gestern Abend ins Kino zu gehen, wo wir uns den Dokumentarfilm von Emir Kusturica über Maradona angeschaut haben.

Habe mich auch schon mehrfach mit meiner „Internet-Bekanntschaft“ Mohamed getroffen. Ich hatte seine E-Mail-Adresse von einer ehemaligen deutschen Studentin in Tunis bekommen und wir hatten uns bereits vor meiner Abreise ein wenig ausgetauscht. Er studiert Germanistik und so kann ich mit ihm gelegentlich auch mal wieder etwas meiner geliebten Muttersprache nachgehen – so bin ich nicht nur auf das Schreiben von viel zu langen Mails, Lesen und deutschen HipHop zurückgeworfen. Er hat mir in den ersten Tagen auch schon ein wenig die Stadt gezeigt, die ich ansonsten v.a. nebenbei während meiner Touren durch tunesische Büros erkundet habe. Und er hat mich zweimal zu sich nach Hause zum Essen eingeladen. Er wohnt mit seinem Bruder zusammen und seine Mutter war zudem zu Besuch, um für die beiden während des Ramadan zu kochen. So bin ich in den Genuß von guter tunesischer Hausfrauen-Kost und einigen (etwas unstrukturierten ;-) Arabisch-Stunden gekommen. Und ein Exemplar der sich ansonsten in Sousse befindlichen Fotoalben-Sammlung habe ich auch schon zu Gesicht bekommen – Fortsetzung folgt dann in Sousse. Dorthin wollte Mohamed mich auch schon übers Wochenende einladen, aber ich wollte die Möglichkeit dann doch lieber nutzen, mir ein wenig Luft für das bald beginnende Semester zu verschaffen, indem ich mich an die Überarbeitung unserer Lehrforschungsarbeit gemacht habe – ansonsten wird mich diese Aufgabe das Semester über noch stärker begleiten und nach Sousse werde ich Mohamed sicher auch noch ein anderes Mal begleiten können. Und zum Aid el Fitr, dem dreitägigen Fest zum Ende des Ramadan in der kommenden Woche, werden wir uns vermutlich auch schon wieder sehen.

Ach ja, der Ramadan. Bisher fehlt mir noch der Vergleichsmoment, um irgendetwas darüber aussagen zu können, welche Auswirkungen der Ramadan auf das alltägliche Leben hat – und auch mit der Vergleichsfolie wollte ich höchstens sehr vorsichtige Bemerkungen in dieser Hinsicht machen. Aber zumindest ein paar Beobachtungen: auf der Straße wird – mit Ausnahme von Kindern und einigen unsensiblen Touristen - nicht gegessen, nicht getrunken, nicht geraucht – bis zum Sonnenuntergang. So gibt es Brot bspw. oft erst ab dem Nachmittag zu kaufen und gegen sieben Uhr sind selbst die ansonsten lebendigsten Straßen wie leer gefegt oder man sieht nur noch einige, wenige Leute mit Einkäufen nach Hause eilen. Doch tagsüber kann man auch einige Orte entdecken, wo die Leute nicht fasten. Per Zufall bin ich auf solch einen „Sündenpfuhl“ aufmerksam geworden. Auf der Suche nach einer öffentlichen Toilette bei einem meiner Streifzüge durch die Stadt wurde ich auf ein Café hingewiesen, das ich zuvor für geschlossen gehalten hatte, da seine Fensterscheiben mit Zeitungspapier abgeklebt waren. Doch als ich die Tür öffnete, kam mir zunächst einmal eine dicke Rauch-Wolke entgegen und als ich wieder etwas sehen konnte ;-), realisierte ich den Grund für das Zeitungspapier – hier saßen viele junge bis ältere Männer beisammen und rauchten, tranken Tee und aßen Kuchen, spielten Karten oder folgten den Bildern des Fernsehers. Die Atmosphäre gefiel mir auf Anhieb, auch wegen der tollen Mosaike an den Wänden und auf den Bänken des Cafés, aber wegen der dicken Rauchschwaden und der Unsicherheit, ob ich hier evtl. an einem etwas delikaten Ort bin, bin ich dann doch wieder recht schnell weiter gezogen. Solche Cafés entdecke ich nun aber immer wieder und die Leute, die hinauskommen, gehen in der Regel recht schnell ihrer Wege, wohl um nicht gesehen zu werden. Freue mich in jedem Fall darauf, diese Cafés nach dem Ramadan gelegentlich besuchen zu können. Ach ja, und ich sehe oft Leute am helllichten Tage an allen möglichen Stellen in der Stadt schlafen, wohl um den Schlafmangel der ungewöhnlich langen bzw. kurzen Ramadan-Nächte(viel Nachtleben, ca. 4:30 frühstücken) zu kompensieren und den Hunger, Durst und Energie-Mangel besser zu ertragen.

Und nun noch ein paar abschließende Bemerkungen zum Wetter: in der ersten Woche waren es angeblich unglaubliche 46° C, was meinem Gefühl auf jeden Fall nahekommt. Mittlerweile ist es allerdings deutlich abgekühlt und nachdem es ca. eineinhalb Wochen lang ungefähr 28 ° C war, haben wir mittlerweile vermutlich nur noch ca. 22° C, was sich aber sofort massiv ändert, wenn sich die Sonne zeigt. Das sind allerdings nur meine groben Schätzungen.

So langsam wird es Zeit, dass hier die Uni losgeht, damit ich weitere Kontakte knüpfen kann. Nicht, dass das hier im Wohnheim besonders schwierig ist, aber auf die Uni-Kontakte bin ich derzeit besonders gespannt. Und das Wohnheim ist zumindest im Augenblick so gut wie leer, weil fast alle Bewohner über Aid el Fitr zu ihren Familien gefahren sind.

So, das soll es fürs erste gewesen sein. In Zukunft werde ich versuchen, regelmäßiger und entsprechend kürzer zu beschreiben, was sich hier so tut. Nun werde ich noch ein wenig meine Mückenjagd-Techniken perfektionnieren ;-)

Seid gegrüßt und lasst es Euch gut gehen!


David


erste Fotos aus Tunis










Ausblicke ueber Tunis, u.a. aus dem Parc du Belvédère

Gasse der Medina in Richtung der Ez-Zitouna Moschee

Strassenbilder, u.a. die Avenue de la Liberté, Allee direkt um die Ecke des Wohnheims

Mohamed (Germanistik-Student) und ich vor den Daechern der Medina, im Hintergrund das Minarett der Ez Zitouna-Moschee (eine der aeltesten und groessten Moscheen Tunesiens)

"Star Wars-Blick" ueber Daecher der Medina bei abendlichem Gewitter